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Ehemalige Zwangsarbeiter in der Ukraine

WDR 2, Mittagsmagazin, Dezember 1999

Nach der Einigung um die Zwangsarbeiterentschädigung geht es jetzt um die schnelle Umsetzung. In der Ukraine leben nach Schätzungen der Stiftung für Verständigung und Versöhnung zur Zeit noch rund 640.000 Ostarbeiter. In der 120.000 Einwohnerstadt Jenakievo im Donezk-Gebiet haben vor vier Jahren gut 3.000 Zwangsarbeiter Geld aus Deutschland bekommen. Heute lebt nur noch knapp die Hälfte. Torsten Dreyer hat einige Ostarbeiter, die im sauerländischen Plettenberg gearbeitet haben, besucht:

Der 73jährige Nikolai Pawlowitsch Stepanenko lebt mit seiner Frau in einem Vorort von Jenakievo. Er erhält rund 32 Mark Rente pro Monat. Ein Brot kostet zum Vergleich rund 40 Pfennig. Das Ehepaar lebt in einem kleinen Haus mit Garten. Erst nach mehrmaligen lauten Klopfen öffnet der Mann. Es geht an dem eigentlichen Haupthaus vorbei in ein kleines Gartenhäuschen. Eigentlich nur ein einziger Raum, ein alter Gasofen mit einer steinernen Herdplatte. Dort, wo die Töpfe hin und her bewegt werden, ist der Stein bereits tief ausgeschabt. Hinten links steht das Bett. Darüber ein Bild von Lenin. Rechts ein kleiner Tisch, zwei Stühle - einen dritten holt die Frau aus dem Haupthaus. Stühle sind Mangelware und im Winter lebt das Ehepaar in dem kleinen Raum, weil es nicht genug Geld zum Heizen des Haupthauses hat. Stepanenko erzählt und der ukrainische Dolmetscher Alexander Ralenko übersetzt:

"Russ. Am 16.11.1942 wurde er verhaftet."

Mit der Bahn wurde der damals 16jährige nach Deutschland gebracht und kam ins Sammellager Soest. Von dort ging es weiter nach Lüdenscheid. In einer Firma, die Gürtelschnallen herstellt, arbeitet er sechs Monate. Dann kommt ein Mann in das Lager und wählt Nikolai Stepanenko aus. Auf einem Lkw kommt er nach Plettenberg Ohle.

"Russ. Lüdenscheid - Plettenberg Ohle."

Er arbeitet im Walzwerk der Firma Ohler Eisenwerk. Die Ostarbeiter müssen Bleche aus einem Walzgestell nehmen und ins nächst schieben. Eine gefährliche, schwere Arbeit, bei der es häufig Handverletzungen gibt. Geld erhalten sie kaum und wenn können sie nahezu nichts dafür kaufen, da sie das Lager nicht verlassen dürfen. Die Ostarbeiter leben in grünen Holzbaracken. Sie haben nur eine Nummer und einen Vornamen - Nachnamen existieren nicht. Stepanenko kennt seine Nummer noch genau:

"66... Nummer 66 ja."

Als die Amerikaner im Anmarsch sind, erhalten die Ostarbeiter eine gute Suppe und erfahren, dass sie frei sind und sogar ihr Bett mitnehmen können. Stepanenko und viele andere kommen zuerst in ein Lager bei Attendorn und dann in das Sammellager Siegen.

"Russ. Ural.....endet mich Lachen"

Als die russische Armee sie in die Sowjetunion zurückschickt, sollen sie eigentlich in den Ural. Im Zug erhalten sie einen verschlossenen Brief. Sie öffnen ihn und lesen das Ziel. Sie zerreißen die Briefe und erklären, man habe ihnen gesagt, sie sollen zurück in ihre Heimatstädte. Am 26. Januar 1946 ist Nikolai Stepanenko wieder in der Ukraine. Nach seiner Ankunft wird er mehrfach vom KGB befragt. Er arbeitet im Stahlwerk in Jenakiewo. Auch seine Frau ist ehemalige Ostarbeiterin. Sie hat in Berlin in einer Munitionsfabrik gearbeitet. Ehen unter ehemaligen Zwangsarbeitern sind keine Seltenheit. Und das es auch schöne Erinnerungen an die Zeit in Deutschland geben kann, davon können Nadjeschda Tatarinowa und Valentina Jurasewa Lieder singen:

"Wir lassen uns das Leben nicht verbittern... & Vor der Laterne..."

Heute sind die meisten Ostarbeiter damit ausgelastet, ihr tägliches Leben zu organisieren. Wenn die Entschädigungszahlungen kommen, könnten sie den Stepanenkos gesicherten Lebensabend garantieren. Spät allerdings und für viele andere Ostarbeiter längst zu spät...

Mehr zu dem Thema finden sie bei www.plbg.de/lexikon/ostarbeiter/.

 
 
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