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Hintergrund Neonazi Christoph Schulte

1Live, BR, Januar 2001

Freitagnacht vor einer Woche in München: Nach einer Geburtstagsfeier von Neonazis kommt es zu einem Angriff auf einen 31jährigen Griechen. Der Mann wird zunächst angepöbelt, schließlich geschlagen und getreten - immer wieder, auch noch als er am Boden liegt. Seitdem sucht die Münchener Polizei nach dem 19jährigen Christoph Schulte aus dem Sauerland. Er soll der Haupttäter bei dem Überfall gewesen sein und wird mit internationalem Haftbefehl wegen versuchten Mordes gesucht. Torsten Dreyer hat das Heimatdorf des 19jährigen besucht:

Von allen Seiten führen die Straßen in Serpentinen auf eine Hochfläche. Rings herum nur Felder und kleine Wälder. Mitten im Ort eine alte steinerne Kirche, das Pfarrhaus und eine Kneipe. Das 1.200-Einwohner-Dorf Affeln ist stolz auf seine über 500 jährige Freiheitsgeschichte. Und jetzt ist es über Nacht durch den Münchener Überfall zu einem zweifelhaften Ruhm gekommen. Der gesuchte Neonazi Christoph Schulte stammt hierher und jeder kennt ihn. Im Dorf und in der Gaststätte ist er das Gesprächsthema Nummer eins:

"Kennen tu´ ich ihn. Regelmäßige Treffen haben schon stattgefunden. Feste sind immer gestört worden. Es gab auch reichhaltige Schlägereien und sonstige Treffen. Wenn solche Gruppierungen sich treffen, dann ist das nicht im normalen Bereich. Das war schon ziemlich heftig - das muss man ganz ehrlich sagen."

Fast keiner im Dorf will sich gerne offen zum Thema äußern. Der Ortsvorsteher ist über Nacht zum Krisenmanager geworden. Ins Mikrofon will er nichts sagen. Christoph Schulte sei ein Einzelgänger gewesen. Seine Familie gehört zu den alteingesessenen im Dorf. Er wächst bei seinen Großeltern auf und arbeitet bis zu dem Überfall in deren Installationsbetrieb. Die rechte Gesinnung hat man nicht richtig ernst genommen. Aber alle haben etwas beobachtet:

"Ich hab da nur gesehen einmal da sind wir da hergegangen, da durften wir da gar nicht mehr hin, weil es schon dunkel war. Sind wir also am nächsten Tag hingegangen, war da alles kaputt, die Bäume waren so angeknickt und Zäune und so lagen auch da mitten auf der Wiese rum und ganz viel Müll. Das war so abends einmal da haben sie Party gemacht da drüben, kam se mit dem Auto rüber, hier hingefahren, da saßen sie dann alle auf´m Auto, auf dem Dach, auf der Motorhaube, überall saßen sie auf dem Auto und das Auto ist gefahren."

Die Neonazi-Treffen waren spontan. Meistens trafen sich die Affelner Rechtsradikalen um Christoph Schulte mit ihren 20 bis 30 Gesinnungsfreunden an der Hütte des Sauerländer Gebirgsvereins SGV oder auf einem Wanderparkplatz am Imberg. Aber auch im Ort ging schon einmal eine Scheibe kaputt, Blumenkübel wurden umgeworfen usw. Auch die Polizei und der Staatsschutz hatte deshalb ein Auge auf Christoph Schulte und seine Freunde. Besonders beliebt für rechte Auftritte waren auch die Landdiscos:

"Also ich kann mich nur an 98 erinnern, da sind die dann zu mehreren auf die Tanzfläche gestürmt und haben den Hitlergruß gemacht auf der Tanzfläche, aber dann sind sie auch gleich rausgeflogen alle. Und dieses Jahr und letztes Jahr da war ziemlich viel Polizei hier Jedenfalls haben sie jeden kontrolliert. Und da war jedenfalls nichts mehr hier."

Schulte taucht dafür immer häufiger bei rechten Aufmärschen auf. Vor rund einem Jahr zog der 19jährige in die Nachbarstadt Plettenberg. Und jetzt tauchen die Münchener Ereignisse alles in ein ganz anderes Licht. Das Dorf ist in einer Art Schockzustand. Der Ortsvorsteher sitzt hinter seiner persönlichen Akte Schulte und kann es noch gar nicht richtig fassen. Eigentlich sei das doch ein netter Junge gewesen - auch andere bestätigen, man hätte mit ihm reden können. Der junge Kneipenbesucher bilanziert:

"Und ich glaube auch das eigentliche Aufwachen der Leute im Ort hat erst jetzt stattgefunden, würd´ ich mal schätzen. Und man muss natürlich auch sagen, dass die meisten, die dabei sind, jünger sind als 15 oder 14 - dass man von daher schon die Ernsthaftigkeit des Themas unterschätzt hat."

 
 
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