
Borreliose - Gefahr aus Zecken
WDR 5, Service Gesundheit, Mai 2000
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Der ungewöhnlich warme Maianfang hat ihre Verbreitung gefördert. Und weiterhin warmes und feuchtes Wetter ist ideal für ihre Entwicklung: Die Zecken lauern in Büschen, Sträuchern und Gräsern auf Warmblüter. Dabei werden Mäuse und Ratten ebenso befallen wie Rehe, Hasen, Katzen, Hunde und eben auch der Mensch. Die Zecken brauchen das Blut für ihre Entwicklung. In diesem Jahr liegen sie schon deutlich früher auf der Lauer und es gibt auch mehr Erkrankungen durch Zeckenstich. Die Borreliose ist eine bakterielle Infektion, die unter anderem durch Zeckenstiche übertragen werden kann. Torsten Dreyer hat sich bei Betroffenen, Ärzten, Wald- und Tierexperten über die Krankheit informiert:
Bei Sigrid Passmann aus Lüdenscheid fing alles mit Schwindelgefühl, sehr großer Müdigkeit und einem Druck auf den Ohren an. Der Ohrenarzt konnte aber nichts feststellen und so begann eigentlich schon hier ihre Krankenodysee:
"Da sich der Zustand nicht besserte, bin ich zum Hausarzt und der hat mich, weil ich Raucherin bin, sofort auf Durchblutungsstörungen behandelt. Bis ich dann also gesagt hab, ich bin derartig müde, das ist mir zuviel mich anzuziehen, die Arme zum Essen zu heben. Ich hab das Gefühl als ob ich eine ganz schwere Erkrankung hinter mir hätte. Und dann hat der Arzt eine Blutuntersuchung gemacht, einschließlich auf Virusinfektion etc. und dabei ist also herausgekommen Borreliose positiv."
Sigrid Passmann konnte sich zu diesem Zeitpunkt an keinen Stich erinnern. Ein häufiges Problem beim Ausbruch der Borreliose, denn der Stich kann schon einige Zeit zurückliegen. Außerdem betäuben die Zecken die Einstichstelle, so dass der Betroffene nichts davon merkt. Häufig können die Betroffenen den Stich auch gar nicht sehen, weil er hinten an den Beinen oder anderen unzugänglichen Stellen liegt. Hautarzt Dr. Andreas Jesper:
"Es ist nicht immer so, dass also eine Stichreaktion in Erinnerung ist und erst Wochen oder Monate später Hautreaktionen auftreten können, die nicht abheilen - in der Regel keine Beschwerden machen - und zuächst auch nicht jucken, die aber meistens gerötet sind, bläuliche Farbtöne aufweisen und einfach dem Laien nicht erklärlich sind."
Hier sollte der Betroffene einen Arztbesuch nicht auf die lange Bank schieben, denn die Behandlung der Borreliose ist umso einfacher je früher sie beginnt. Das Paradoxe ist dabei, dass man sich behandeln lassen muss, wenn man keine Beschwerden hat, damit man nicht später unerklärliche Beschwerden bekommt. Marianne Schumacher hatte Glück:
"Wir waren im Urlaub in Spanien und am Strand da sagte meine Tochter zu mir, was hast du denn da für einen komischen Fleck. Und ich sag mal am Oberarm kann man ja schlecht selbst hinkucken und da hab ich gesagt, wie Fleck. Und alle haben dann gekuckt und meinten dann, das müßte ich doch, wenn wir zuhause wären, untersuchen lassen."
Der Hautarzt stellte eine Borreliose fest und nach einer einwöchigen Antibiotika-Kur war die Krankheit überstanden. So glimpflich verläuft die Borreliose aber nicht immer. Für die Betroffene Sigrid Passmann ging auch nach der richtigen Diagnose der Leidensweg weiter, weil die erste Antibiotika-Kur in ihrem Krankenstadium bereits zu schwach und zu kurz war. Dabei hatte sie nicht nur mit körperlichen Problemen wie Schwindel und extremen Muskel-Schmerzen zu kämpfen:
"Ich hatte also wirklich Probleme, wenn ich etwas gehört habe, das aufzunehmen und umzusetzen - das war ein Arbeitsprozeß. Hinzu kamen da mittlerweile auch Depressionen - anfallsartig - also sowas Entsätzliches kann sich keiner vorstellen. Und ich hatte das Gefühl, ich sitze in einem Käfig ohne Emotionen. Ich wußte zwar, dass ist die Stelle, wo man sich ärgern muss, dass ist die Stelle, wo man sich freuen muss, aber da war nichts - da war nichts, keine Emotionen mehr."
In dieser Situation wurde von Sigrid Passmann verlangt, dass sie um immer neue Untersuchungen kämpfen musste. Sie hatte Angst, dass sie in die Psychiatrie eingeliefert würde. Ihre Familie unterstützte sie beim Gang von Arzt zu Arzt. Ein diffuses Krankheitsbild und Beschwerden, die man einzeln auch ganz anders erklären könnte, sind typisch für die Borreliose. Dr. Andreas Jesper:
"Die Borrelien-Infektion selber ist wie ein Chamäleon und kann andere Krankheitsbilder nachäffen. Primär kommt es meistens zu Hauterkrankungen. Als Spätfolgen können Erkrankungen im neurologischen Bereich auftreten, der Gelenke auftreten - fast aller Organe, die aber erst nach mehreren Monaten zum Tragen kommen."
Betroffene stoßen bei Ärzten noch immer auf Unverständnis und häufig auch auf Unkenntnis. Sie wünschen sich, dass der Arzt einfach zuhört und das gesamte Krankheitsbild sieht. Dabei ist Borreliose keine seltene Erkrankung. Nach der Salmonelleninfektion ist sie die häufigste Infektionskrankheit. Nach Schätzungen von Experten gibt es in Deutschland 60 bis 100.000 Neuinfektionen pro Jahr. 20 Prozent davon rutschen in ein mehr oder weniger chronisches Stadium. Deshalb haben sich inzwischen über 30 Borreliose-Selbsthilfegruppen gegründet. In Nordrhein-Westfalen gibt es fünf. Sigrid Passmann zu den Gründen, warum sie Mitglied der Essener Selbsthilfegruppe wurde:
"Das war reine Verzweiflung. Es war wirklich Verzweiflung. Mein Zustand verschlechterte sich kontinuierlich und es half keiner. Und ich denke mir einfach in einer Selbsthilfegruppe sind Menschen, die betroffen sind - ich hab nicht geglaubt, dass es ähnliche Fälle gibt, aber es ist so -, die also schon Erfahrungswerte mitbringen und davon profitieren sie als Neuling."
Eine Berufsgruppe ist besonders stark von der Borreliose betroffen: Die Waldarbeiter - bei ihnen ist sie inzwischen als Berufskrankheit anerkannt. Im Forstbezirk Lüdenscheid sind in den vergangenen drei Jahren vier der gut 15 Waldarbeiter erkrankt. Friedrich Grüber, Leiter des Forstamtes:
"Wir haben gerade jetzt einen Mitarbeiter, der ist schon seit einem Vierteljahr schwer erkrankt - fast gelähmt - und kann jetzt gerade mal wieder selbstständig essen und etwas laufen. Das das ist eine ganz böse Geschichte und ich hoffe, dass er überhaupt wieder arbeitsfähig wird."
Eine Impfung gegen die Borreliose gibt es für Menschen bisher nicht. In Amerika ist aber bereits ein Impfstoff im Einsatz, der jetzt an die europäischen Verhältnisse angepasst wird. Neben den Menschen sind aber auch Tiere von der Borreliose betroffen. Nach Auskunft von Tierärzten nimmt sie bei Hunden stark zu. Dr. Bernhard Vonnahme vom Veterinäramt des Märkischen Kreises:
"Hunde stöbern mit der Schnauze in allem Möglichen - in Gesträuch und im Gras. Und da warten Zecken auf ihre Opfer. Deshalb sind die Hunde meist auch mehr befallen als der Mensch."
Für Hunde gibt es bei Tierärzten für 55 bis 75 Mark eine Borreliose-Impfung. Für Menschen bleibt bisher nur, sich nach einem Wald- oder Gartenbesuch genau unter die Lupe zu nehmen. Experten empfehlen im Wald feste Schuhe und lange Hosen zu tragen. Einen vollständigen Schutz vor Zeckenstichen gibt es aber nicht. Für die Entfernung von Zecken ein Tipp des Kreisveterinärs Vonnahme:
"Es gibt da besondere Zeckenpinzetten - kann man auch in Apotheken oder beim Tierarzt beziehen -, wo man die Zecke also praktisch am Kopf packt und dann ziehen kann. Also man soll nicht drehen und man soll nicht auf den Hinterleib fassen, weil diese Borrelien sitzen praktisch im Darm der Zecke und wenn ich auf der rumdrücke, dann drücke ich möglicherweise den Darminhalt in die Wunde."
Das Borreliose-Gebiet ist nicht auf einzelne Landstriche beschränkt wie es zum Beispiel bei der Gehirnhautentzündung FSME, die auch durch Zecken übertragen wird, der Fall ist. Bei einer ungewöhnlichen Hautrötung sollte man auf jeden Fall den Arzt aufsuchen, der meistens auch durch Blutuntersuchungen eine Borreliose-Infektion feststellen kann. Ganz wichtig ist aber, dass nicht jeder Zeckenstich gleich eine Borreliose verursacht. Sigrid Passmann warnt vor Panik:
"Nicht jede Zecke ist infiziert. Also wenn ich jetzt einen Zeckenbiss hab, das heißt noch längst nicht, dass ich eine Borreliose kriegen muss - das ist unsinnig."